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Diese Serie stellt Bücher vor, die über Algerien informieren und einen Einblick in die algerische Literatur vermitteln. Dabei werden in loser Reihenfolge die auf dem deutschen Buchmarkt bzw. in Antiquariaten oder Bibliotheken angebotenen Werke mit kurzer Inhaltsangabe präsentiert.
Format 44 x 50 cm
13 Seiten mit 13 Farbfotos 37 x 37 cm
Alain Sèbe Images, éditeur, F-Vidauban
Der französische Verleger Alain Sèbe, dessen Sohn Berny ihm ein engagierter Mitarbeiter wurde, hat seit drei Jahrzehnten ein internationales Renommee für exzellente Fotografien und Publikationen zur Sahara und dem nordafrikanischen Raum.
Der vorliegende Kalender 2008 enthält Ansichten aus Tunesien, Algerien, Libyen und Mauretanien in beeindruckender Qualität, die Beschriftungen sind auf französisch, englisch, deutsch, niederländisch und arabisch. Viele Aspekte des Lebens in der Sahara mit ihren vielfaltigen Landschaften werden auf bestechend schönen Fotos dem Betrachter vermittelt. Das Verlagsprogramm umfasst neben dem jährlichen Fotokalender des weiteren zahlreiche großformatige Bildbände, Literarisches aus der Wüste sowie Fotokunstkarten etc. Die Faszination Sahara, Widerschein Afrikas, in 1001 Facetten! (www.alainsebeimages.com)
2006, BW Bildung und Wissen, Nürnberg
200 S. m. 1 Karte
ISBN 10: 3-8214-7655-9
Die promovierte Politologin und Ethnologin Sylvia Ortlieb beschäftigt sich seit Mitte der achtziger Jahre mit der arabischen Welt und hat dort zahlreiche Forschungsaufenthalte verbracht. Sie engagiert sich in diversen Institutionen für deutsch-arabische Beziehungen und leitet die interkulturelle Unternehmensberatung „Orient-Occident“ (www.orient-occident.de) in München.
Der Orient ist für Europa ein wirtschaftlich hoch interessanter Partner. Erfolgreiche Handelsbeziehungen hat hier, wer sich gut auf Mentalität, Kultur, Religion und die Gesetzmäßigkeiten der arabischen Geschäftswelt vorbereitet. Kulturkompetenz heißt das Stichwort – was sie bedeutet und wie man sie sich aneignen kann, zeigt Sylvia Ortliebe in ihrem Ratgeber. Sie portraitiert die Länder des Maghreb und des Nahen Ostens, die Golfstaaten und den Iran und erklärt, welche Business-Regeln zu beachten sind. Kenntnisreich stellt sie orientalisches Denken vor und beschreibt praxisnah, wo man in Konfliktsituationen geraten kann und wie diese zu meistern sind. In einem ansprechenden Layout präsentiert sie ihre informativen Texte sowie Daten und Fakten - eine Fülle an Wissen!
Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 1989
ISBN 3-88423-058-1
Das Lesebuch beinhaltet 48 Erzähltexte französischsprachiger Autorinnen und Autoren des Maghreb, darunter 17 algerische, 8 marokkanische und 10 tunesische. Viele sind international bekannt, wie beispielsweise die algerischen Literaten Mohammed Dib, Kateb Yacine, Rachid Boudjedra, Assia Djebar, Malek Haddad, Mouloud Feraoun, Mouloud Mammeri, Rachid Mimouni und andere.
Verlag Harrassowitz, Wiesbaden 1990
ISBN 3-447-03048-8
Die moderne algerische Literatur ist in weitestem Sinne ein Spiegelbild der historischen und gegenwärtigen Realitäten eines ehemals kolonisierten Landes, in ihrem Reichtum und ihrer Faszination angesiedelt zwischen Orient und Okzident. Das allgemein verständliche Werk vermittelt ihre Entwicklung anhand der wichtigsten zeitgenössischen Schriftstellerinnen und Schriftsteller Algeriens, die sowohl in der Nationalsprache, dem Arabischen, als auch in französischer Sprache schrieben.
Zu den algerischen Autoren, die zur Weltliteratur gehören, zählt der Romancier Mohammed Dib (geb. 1920 in Tlemcen, gest. 2003 in Paris), der sein umfangreiches Werk – Romane, Erzählungen, Lyrik, Kinderbücher – auf französisch schrieb. Er wurde mit zahlreichen hohen literarischen Auszeichnungen geehrt, erhielt eine Einladung zur Gastprofessur der Universität von Kalifornien (1974) und die Berufung in den Lehrkörper der Sorbonne (1982-1984). Dib zählte zu den Kandidaten für den Nobelpreis in Literatur. In Frankreich, in dem er seit seiner Ausweisung aus Algerien (1959) seitens der französischen Behörden lebte, erhielt er u.a. den Großen Literaturpreis der französischen Akademie (1994).
In Deutschland wurde Dib bereits in den fünfziger Jahren bekannt, als in Ostberlin (Verlag Volk und Welt) Übersetzungen seiner Romantrilogie mit autobiographischen Zügen erschienen: Das große Haus (1956), Der Brand (1956) und Der Webstuhl (1959). Einige seiner herausragenden späteren Werke – vier Romane und ein Erzählband – liegen seit den neunziger Jahren auf dem deutschen Buchmarkt vor.
Roman
Aus dem Französischen von Barbara Rösner-Brauch
Beck & Glückler Verlag, Freiburg 1991
ISBN 3-89470-113-7
Dieser Roman gilt als Dibs reifstes Werk. Auch hier thematisiert er wie in früheren Romanen das Exil, die erzwungene Wanderschaft und Isolation des Individuums. Die Suche des Helden nach Wahrheit mündet in das Vergessen, das vielleicht die einzige Wahrheit ist. Keines der späten Werke Dibs ist leicht zu lesen, sie sind vielschichtig angelegt und schwierig zu entschlüsseln. Aber der wunderbare und packende Stil seines Schreibens lohnt die Lektüre.
Roman
Aus dem Französischen von Helga Walter
Verlag Donata Kinzelbach, Mainz 1991
ISBN 3-927069-13-2
Der Autor beschreibt in diesem Roman die Emigration symbolisch an der Angst, Einsamkeit und Verletzlichkeit eines jungen Mannes im albtraumhaften Paris. Liebe und Wahnsinn, mystische Einflüsse von Islam und Christentum spiegeln die Spannung zwischen Orient und Okzident. Wer ist Habel? So rätselhaft und vieldeutig wie der Titel ist auch der Inhalt des Romans.
Fantastischer Roman
Aus dem Französischen von Helga Walter
Edition Orient, Berlin 1992
ISBN 3-922825-46-X
Mohammed Dib beschwört die apokalyptische Vision einer Stadt in Algerien während des Befreiungskriegs. Er möchte den Kampf um Algier (1957) symbolisch darstellen, inspiriert von Picassos Gemälde Guernica. Beide Werke zeigen die Verwüstungen, welche die Macht des Bösen anrichtet. In poetischer Sprache zeichnet Dib Verzweiflung, Hoffnung und Rettung in einer gnadenlosen Welt. Das Meer und die Frau sind letztlich Ursprung und Ziel allen Lebens.
Roman
Aus dem Französischen von Stephan Egghart
Verlag Donata Kinzelbach, Mainz 1993
ISBN 3-927069-19-1
Dieses Werk leitet Mohammed Dib mit einem Vers aus dem Alten Testament ein: „Da zogen wir aus von Horeb, und wandelten durch die ganze Wüste, die groß und grausam ist …“ (5. Buch Mose, 1, 19). Wie in einem Film irren die beiden Hauptpersonen, Hadsch-Bar aus dem Süden und Siklist aus dem hohen Norden, durch die Wüste, gefangen in ihren heißen Banden. „Glühend der Himmel, glühend die Erde, glühend die Luft zwischen beiden. Ungewiss der Horizont und trocken der Geruch der Steine einer Welt, die auf ihrem eigenen Feuer verbrennt“. Ein Weg ohne Umkehr, auf der Suche wonach? Auch in diesem Roman führt Dib auf eine mythische Ebene, geheimnisvoll und voller Wunder. Die Wanderer treffen auf den Erzengel und Antonius, der für die Tiere sang. „Nirgends war es so still wie um seine Stimme. Sein Gesang störte die Dunkelheit nicht weiter. Nur die Sterne zitterten…“
Erzählungen
Aus dem Französischen von Helga Walter
Edition Orient, Meerbusch 1994
ISBN 3-922825-46-X
In diesem Band sind neun frühe Erzählungen des Autors enthalten, die teils absurd, teils von beklemmendem Realismus sind. Einige davon thematisieren den Befreiungskrieg und zeichnen ein Bild über das Leben der algerischen Menschen in dieser Zeit. - Das Ende der Kolonialherrschaft naht, der französische Patron lässt den Blick über sein Land schweifen, über das Silber der Olivenbäume, über das raue Braun der Felder. „Die Leere, die ungewohnte Stille begann ihn zu beunruhigen. Selbst der Wind schien ihm eine unbestimmte Warnung zuzuflüstern…“. - Ein Mann versucht verzweifelt, die Inschrift einer Totentafel zu entziffern und gerät darüber in einen Abgrund. - Auch diese Kurzprosawerke, 1966 unter dem Titel „Le Talisman“ in Paris erschienen, führen uns in die faszinierende Schreibkunst Dibs.
Roman
Aus dem Französischen von Regina Keil
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 1997
ISBN 3-462-02607-0
Mohammed Dib stellt in diesem märchenhaften Roman ein kleines Mädchen in den Vordergrund. Lyyli Belle, Tochter eines maghrebinischen Vaters und einer europäischen Mutter, beide Entwurzelte, wächst in Finnland auf. Abgeschieden und einsam, schafft sie sich ihre eigene kindliche Welt, spielt und redet mit den Trollen, hält Zwiesprache mit ihrem fiktiven Großvater, einem alten weisen Scheich, der über die Wüste und die Quelle wacht. Sie entdeckt, dass der weiße Sand wie Schnee ist und wird zur Erbin, Infantin jenes maurischen Reiches. Das Buch ist anrührend geschrieben, die Neue Züricher Zeitung vergleicht es mit dem Kleinen Prinzen von Saint-Exupéry, „nur dass der Planet, den es zu hüten gilt, die Erde ist“.
Übersetzung aus dem Französischen: Helga Walter
Hörspielbearbeitung und Regie: Ulrich Gerhardt
Komposition: Ronald Steckel
Darsteller: Ingo Hülsmann
DeutschlandRadio Berlin 2004
Der gleichnamige Roman von Mohammed Dib diente in der deutschen Übersetzung als Vorlage zu einer Hörspielproduktion innerhalb der Reihe Nomaden der Worte – Literatur aus dem Maghreb von DeutschlandRadio Berlin. Die hohe Literatur Dibs in dieser effektvoll inszenierten Produktion ist ein besonderes Erlebnis. Das Hörspiel wurde von verschiedenen Sendern ausgestrahlt und wiederholt.
Der berühmteste Romancier, Lyriker und Dramaturg Nordafrikas, einer der größten Literaten der arabischen Welt, gleichzeitig mit höchsten literarischen Auszeichnungen im francophonen Kulturkreis geehrt, ist Kateb Yacine. Er wurde 1929 in Constantine als Sohn eines Rechtsgelehrten, der sowohl im koranischen Recht als auch in der französischen Jurisprudenz versiert war, aus dem Berberstamm der Keblut geboren. Sein Vater ließ ihm eine französische gymnasiale Schulbildung angedeihen, da er nicht wollte, dass sein Sohn wie er selbst „zwischen zwei Stühlen sitze“… Kateb Yacine, der sich als „Schriftsteller, umherirrend, im Ausstand, im Exil“ definierte, wurde zum Wanderer zwischen den Welten. Reisen als Reporter des ‚Alger Républicain’ führten ihn über Europa hinaus, u.a. in die Sowjetunion und nach Indochina.
Sein erster Roman, Nedschma, 1956 mitten im Algerienkrieg in Paris erschienen, gehört heute zur Weltliteratur. Kateb hatte trotz widriger Zeiten französische Verleger gefunden, die den Roman als ‚das literarische Ereignis’ feierten. Seine Herkunft, frühe Lebenserfahrungen und besonders die Geschichte des kolonisierten Vaterlandes haben Kateb’s Arbeit und ideologische Orientierung geprägt. „Was mich zum Schreiben gebracht hat, ist die Entdeckung eines Landes, das Algerien heißt und das wir noch nicht genügend kennen.“ - Die Krönung seines literarischen Schaffens erfuhr er 1986 in Frankreich durch die Verleihung des ‚Grand Prix National des Lettres’. - Am 28. Oktober 1989 starb Kateb in Grenoble, nach einem Leben, wie er es als Jugendlicher vorausgeahnt hatte: „Viele Illusionen – in den Farben grün bis rot“. - Auf dem deutschen Buchmarkt liegen die Übersetzungen seiner beiden Romane, Nedschma (Frankfurt 1958) und Sternenvieleck (Mainz 1994), vor.
Roman
Aus dem Französischen von Walter Maria Guggenheimer
Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1958
Band 116 der Bibliothek Suhrkamp
Es ist der erste Roman des Autors, 1956 unter dem Titel Nedjma in Paris erschienen. Und er sollte der wichtigste Roman Algeriens werden, der bis heute nichts an Relevanz und Attraktivität verloren hat. Der Bezug zur Vergangenheit des Vaterlandes – Kateb’s Berberstamm wurde unter der Kolonialherrschaft zerschlagen, er selbst wurde Zeuge der blutig niedergeschlagenen Demonstrationen zu Sétif 1945 - ist offensichtlich. - Nedschma, das arabische Wort für Stern, Gestirn; kreisend wie die Sterne am Himmel, Nedschma der Stern, das Vaterland. Immer fliehend, kaum fassbar, imaginär und wahrnehmbar zugleich. Ein Geheimnis umgibt ihre Herkunft „Tochter des eigenen Stammes…“ Nedschma, Synonym für Kahina, die legendäre Berberfürstin, welche gegen die arabischen Invasoren in Nord-Afrika - die Beni Hilal - kämpfte, bis sie 698 n. Chr. besiegt wurde. – So rätselhaft wie Nedschma ist auch die Handlung des Romans, losgelöst sind Zeit und Raum. In den Aufzeichnungen, die das Werk durchziehen, sind Fragmente, Wortfetzen, Sätze, scheinbar zusammenhanglos aneinander-und untereinandergereiht; Gedankengänge wie zufällig aufeinanderfolgend. Sie spiegeln die explosive Stimmung des afrikanischen Kontinents wider, der Hunger nach Freiheit und Unabhängigkeit wird beschworen. Wie schwierig auch Kateb’s Schreibstil zu entschlüsseln sein mag, der Leser wird mit wundersam dicht gewebter Prosa belohnt: „Mittag. Widerschein Afrikas auf der Suche nach seinem Schatten, unnahbare Nacktheit eines imperienfressenden Kontinents, Wein und Tabak in vollen Zügen;…“
Roman
Aus dem Französischen von Thomas Bleicher und Marie-Noëlle Vitry
Verlag Donata Kinzelbach, Mainz 1994
ISBN 3-927069-23-X
Im Jahr 1966 erschien Kateb’s zweiter Roman ebenfalls in Paris, unter dem Titel Le Polygone étoilé. Auch in diesem Werk erscheint nicht nur im Titel das gleiche Sinnbild des Universums: Algerien ist der ‚Stern des Maghreb’ in einem sich vom Kolonialjoch befreienden Afrika. - Der Schreibstil ist ähnlich wie im ersten Roman. Erzählstränge sind ineinander verwoben. Orte der Handlung sind Gefängnis, Krankenhaus, Frankreich und Friedhöfe; deren Themen heißen Krieg, Wahnsinn (Yacine’s Mutter kollabierte psychisch, als ihr Sohn nach den Demonstrationen in Sétif 1945 vermisst wurde), Exil und Tod.
„Und als auf dem Grab des Vaters
Der schiefe graue Stein stand
Was für ein Wind und was für eine Not
Unter der Junisonne
Gegenüber dem weit entfernten
Tal des Sumam!
Zwanzig Jahre war ich alt
Zwanzig Jahre war ich alt, als er starb…“
Ebenso wie in Nedschma wird der Beginn des Romans am Ende wieder aufgenommen. Erinnerungen des Autors an seine Kindheit werden wach und der Kreis schließt sich. -
Kateb schrieb seine beiden Romane auf französisch. Die Entscheidung zugunsten der fremden Sprache, der Sprache des Kolonisators, symbolisierte Kateb als zweite Trennung vom Mutterleib. Er konnte sie nie verwinden und mit diesem Trauma endet der Roman:
„Auf diese Weise hatte ich auf einmal beides verloren, meine Mutter und ihre Sprache, diese zwei einzigen Schätze, die keinem je fremd werden können – die mir jedoch seitdem entfremdet sind!“
Zu den ersten algerischen Schriftstellern, deren Werke auf dem deutschen Buchmarkt in Übersetzung erschienen sind, gehört Mouloud Feraoun. Er wurde am 8. März 1913 in Tizi-Hibel in der Großen Kabylei geboren, Sohn eines Fellachen, der nach Frankreich zog und in einem Bergwerk arbeitete. Mouloud besuchte die französische Grundschule in Taourirt-Moussa, die höhere Schule in Tizi-Ouzou, es folgte eine Ausbildung für das Lehramt in Bouzaréa. Er erhielt 1935 eine Stelle an seiner ersten Schule, wird 1946 Direktor. Schließlich übernahm er 1957 die Leitung der Schule „Nador“ in Clos-Salambier bei Algier. 1961 unternahm er Reisen nach Italien, Griechenland und Sardinien. 1960 erfolgt eine Berufung zum Inspektor eines der staatlichen Sozialen Zentren zur Förderung von Bildung und Ausbildung. Am 15. März 1962 wird Mouloud Feraoun, Humanist und Pazifist, zusammen mit fünf Kollegen von einem Kommando der französischen Untergrundbewegung OAS (Organisation de l’Armée Secrète) in El-Biar bei Algier ermordet, nur vier Tage vor dem Waffenstillstand.
Mouloud Feraoun schrieb aufgrund seiner Schulbildung französisch. Seine Werke hatten somit direkten Zugang zur Literaturszene Frankreichs und gewannen bald internationale Beachtung und Ehrung. Feraoun hat als Zeitzeuge die Landschaft und ihre Menschen, Sitten und Gebräuche seiner Landsleute aufgezeichnet. Ein besonderes Anliegen war ihm die reiche, mündlich überlieferte literarische Tradition seiner Heimat - berberische Märchen, Legenden und Gedichte. So übersetzte er die lyrischen Stücke des berühmtesten kabylischen Dichters Si Mohand vom Stamm der Ath-Irathen (geb. um 1840, gest. 1906); die Gedichtsammlung Les Poèmes de Si Mohand erschien 1960. Ein weiterer Roman, Essais, Briefe, Skizzen und Porträts aus seiner Heimat, die nicht ins Deutsche übersetzt wurden, gehören zu seinem literarischen Vermächtnis. Ebenso Feraouns Tagebuch Journal 1955-1962 , das wenige Wochen nach seinem Tod in Paris veröffentlicht wurde, Zeugnis eines grausamen Krieges.
Mit Feraouns Romanen in deutscher Übersetzung wird die algerische Literatur in Westdeutschland erstmals bekannt. Wir verdanken dies dem Engagement eines Würzburger Verlegers, der, von der Literatur Feraouns begeistert, das wirtschaftliche Risiko wagte. Die Bände sind zwischen 1956 und 1958 erschienen, in fast bibliophiler Ausstattung - in Leinen gebunden, zwei von ihnen mit einigen Farbbildern von August Macke u.a. versehen. Sie sind längst vergriffen, aber über Bibliotheken oder Antiquariate dürften sie dennoch zugänglich sein.
Roman
Ins Deutsche übertragen von Dr. Grete Steinböck
Verlag Andreas Zettner Würzburg – Wien, 1957
Das erste Werk Mouloud Feraouns, der Roman Le fils du pauvre, erschien 1950, wofür Feraoun im gleichen Jahr als erster autochthoner Autor den Großen Literaturpreis der Stadt Algier erhielt. In französischen Kreisen war man über das Buch, geschrieben von einem Einheimischen, mehr als überrascht. Der Algerienfranzose Gabriel Audisio brachte dieses Erstaunen auf den Punkt:
„Wir, die wir glaubten, die Kabylen und die Kabylei zu kennen, entdecken sie urplötzlich neu! Zum ersten Mal sehen wir einen Menschen dieser Nation, der uns in unserer Sprache durch eine Erzählung ohne Künstelei Zeugnis gibt über die menschliche Situation seinesgleichen“.
Im Maghreb wurde der Roman zu einem Klassiker und bald in viele Sprachen übersetzt. In Deutschland erhielt er die Auszeichnung „Bestes Jugendbuch“. Von europäischen Literaturkritikern wird er allgemein als Beginn der modernen algerischen Literatur angesehen.
Der Roman ist im Wesentlichen eine Autobiografie des Autors von der Kindheit in einem kabylischen Dorf, die Ausbildung zum Lehrer bis zu seiner Rückkehr in die Heimat. Feraoun möchte in seinem Erzählen vermitteln, dass seine Landsleute Menschen sind wie andere auch und dass das Leben eines Kabylen es wert ist, literarisch verewigt zu werden. Er schildert die nordafrikanische Landschaft in ihrer Schönheit, aber auch in ihrer Rauheit unter dem harten Licht der afrikanischen Sonne:
„…dieses Bild vor meinen Augen: im Hintergrund großartig, unberührt die Djurdjura, deren Schneegipfel in Dunst verschwimmen und sich ganz oben im Unendlichen verlieren. Rundum blaue Kämme und Kuppen, von verkrüppelten und dunklen Bäumen bestanden, von Zistrosen und Mastixgesträuch bewachsen. Zu Füßen der kümmerliche Boden, der unter dem kargen Gras erscheint, diese fahle, weiße oder gelbliche Erde – Sand oder Schiefer -, wo nur abgezehrte Männer, magere Schakale, dürre Ziegen gedeihen.“
Roman
Ins Deutsche übertragen von Dr. Hermann Schreiber
Verlag Andreas Zettner Würzburg – Wien, 1956
Der deutsche Verleger kündigt das Werk an als « Roman eines Berbers über die unbekannte Welt Nordafrikas ». In der Tat, zur damaligen Zeit waren die Länder des Maghreb noch nicht beliebtes Reiseland der Europäer, vielmehr herrschte zu dieser Zeit in Algerien schon seit zwei Jahren der Befreiungskrieg. Dieser zweite Roman Mouloud Feraouns, 1956 unter dem Titel La terre et le sang erschienen, wurde noch im gleichen Jahr mit dem „Prix populiste“ ausgezeichnet. Eindringlich beschreibt Feraoun die Verwurzelung des kabylischen Bauern mit der Heimaterde. Die Erde ist die Heimat der Vorfahren, durch Blut mit der Familie verbunden, wie es im originalen französischen Titel versinnbildlicht ist.
„Wenn der Kabyle nach langer Abwesenheit in die Berge seiner Heimat zurückkehrt, so erscheint ihm die Zeit, die er in der Fremde verbracht hat, nur noch wie ein Traum. Der Traum mag böse gewesen sein oder schön: die Wirklichkeit findet er erst zu Hause wieder, in seinem Dorf, in seiner Hütte.“
In diesem Roman wird erstmals das Thema des algerischen Gastarbeiters in Frankreich angesprochen, das Exil als hartes Schicksal für den mit seiner Heimat geradezu mystisch verwobenen Kabylen. – Der Hauptakteur des Romans, der Berber Amer-u-Kaci, hat fünfzehn Jahre in Frankreich gelebt und gearbeitet, er kehrt nun in sein Heimatdorf zurück. Seine französische Frau Marie fühlt sich in eine ihr fremde Welt versetzt, versteht sich jedoch einzuleben. Eine dramatische Wende nimmt die Geschichte, als Amer sich in seine Cousine Chabha verliebt, die ebenfalls verheiratet ist.
Roman
Ins Deutsche übertragen von Dr. Grete Steinböck
Verlag Andreas Zettner Würzburg – Wien, 1958
Seinen dritten Roman Les chemins qui montent veröffentlicht Feraoun im Jahre 1957. Es ist eine Art Fortsetzung zur Heimkehr des Amer-u-Kaci, der Ton aber wesentlich bitterer und pessimistischer. Hatte Feraoun in seinen beiden ersten Romanen die Kabylei und die kabylische Gesellschaft dem europäischen Leser zwar wahrheitsgetreu, aber besonders im ersten etwas idealisierend dargestellt, zeigt dieser dritte schonungslos auch die negativen Seiten des traditionellen sozialen Gefüges.
„Die Wege steigen steil an vor mir, vor uns allen. Wir sind arme Menschen in einem sehr armen Land. Aber ist es denn unser unausweichliches Schicksal, unglücklich zu sein? Warum sind alle Wege hügelan Pfade des Elends?...“ schreibt der Akteur in sein Tagebuch, das den zweiten Teil des Romans umfasst.
Amer, der Sohn von Amer-u-Kaci und Marie aus La terre et le sang kehrt nach vierjähriger Lehrzeit in Frankreich in das Heimatdorf zurück, das ihm inzwischen fremd geworden ist. Er verliebt sich in seine Kusine Dehbia, eine Waise, die zum Christentum konvertiert ist. Dehbia hat eine ambivalente Gefühlsbeziehung zu Mokran, der sie gleichzeitig anzieht und abstößt. Amer und Mokran hassen sich seit ihrer Jugend; auch hier mündet das Geschehen in eine Tragödie. Das Buch endet mit dem Bericht einer Tageszeitung, unter der Rubrik „Kabylien“ wird ein Selbstmord in Ighil-Nezman bekannt gegeben. Es ist Amer.
Mouloud Mammeri gehört zu den Schriftstellern, die schon vor dem Algerien-Krieg über ihre Heimat hinaus bekannt wurden. Er wurde 1917 in Taourirt Mimoun in der Großen Kabylei geboren und starb 1989 bei einem tragischen Verkehrsunfall in Ain Defla in Westalgerien auf der Rückfahrt von einem Colloquium in Marokko. Dazwischen lag ein arbeitsreiches Leben. Von 1934 bis 1938 besuchte er Gymnasien in Algier und Paris. 1939 wurde er in die französischen Armee rekrutiert; 1940 freigestellt, besucht er die Universität Algier. 1944 wieder eingezogen, nimmt er an den Feldzügen der Alliierten in Europa teil. 1945 bis 1947 Studium an der Universität Paris, 1947 bis 1957 Lehrer in Algerien. Er verlässt das Land und bleibt bis Kriegsende 1962 in Marokko. Zurückgekehrt nach Algier, lehrte er an der dortigen Universität und war Direktor des Centre de Recherches Anthropologiques, Préhistoriques et Ethnographiques, Algier.
Sein literarischer und wissenschaftlicher Nachlass ist bedeutend: 4 Romane, Erzählungen, Theaterstücke usw. 1976 legte er eine Grammatik der Berbersprache vor; 1969 und 1980 berberische Lyrik, wobei er sich ebenfalls der Sammlung und Erforschung von Gedichten Si Mohands widmete. Er erhielt den „Prix de Quatre Jurys der Zeitung „Echo d’Alger“ für seinen ersten Roman „La colline oubliée“ und die Ehrendoktorwürde der Sorbonne 1988. – Auf dem deutschen Buchmarkt sind bisher zwei Romane und eine Erzählsammlung in Übersetzung erschienen.
Roman aus den kabylischen Bergen Algeriens
Aus dem Französischen von R. Römer
Speer-Verlag, Zürich-München 1957
Es ist sein erster Roman, der 1957 in Übersetzung auf dem deutschen Buchmarkt erschien. Das Original „La colline oubliée“ brachte 1952 ein französischer Verleger in Paris heraus. Mouloud Mammeri beschreibt wie auch sein Kollege Feraoun eindrucksvoll seine Heimat, die Kabylei, aber der Blick auf die geschlossene Gesellschaft der Kolonisierten ist schärfer, mitleidloser, Mammeri’s Weltsicht pessimistischer.
Schauplatz des Romans ist das Dorf Tasga hoch auf einem Hügel in den kabylischen Bergen. Diese Welt, die Mammeri beschreibt, wird regiert von der Not. Mit der wirtschaftlichen Misere, die die jungen Männer zwingt, in der Fremde Arbeit zu suchen, korrespondiert die geistige. Letztere hat die Jungen erfasst, die eine französische Erziehung genossen haben und in der Heimat veralteten Sitten, dem Aberglauben und der Allmacht der älteren Generation gegenüberstehen. Auf der anderen Seite sehen die Alten ihre Welt zusammenbrechen. Die traditionelle Ordnung ist erschüttert, eine neue noch nicht an ihre Stelle getreten.
„Seit langem litt unser Ort an einer seltsamen, unfassbaren Krankheit. Sie war überall und nirgends zugleich … Man hatte alle Mittel dagegen versucht; nichts wollte nützen, zumal niemand die Ursache des Übels kannte. Welchen Heiligen hatte man gekränkt? Sind die Jungen etwa vom rechten Weg abgewichen oder haben die Alten in der Versammlung falsche Argumente gebraucht und ungerechte Urteile gefällt?“
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